Die Kunst Bedeutung zu schaffen
Wenn ich mir morgens meinen Tee zubereite, wird es manchmal zu etwas Besonderem, oft bleibt es aber eine Handlung von vielen in meinem Alltag.
Ich stelle den Wasserkocher an, nehme die vorderste Tasse aus dem Schrank und nehme den erstbesten Tee, der mir in die Hände fällt. Sobald das Wasser kocht, gieße ich damit den Tee auf und trinke ihn dann (nach einer angemessenen Abkühlpause, die ich oft zu kurz halte!).
Ich suche mir einen Tee aus, der Wohlbehagen in mir auslöst, der zu meiner aktuellen Zyklusphase passt. Ich stelle die passende Temperatur am Wasserkocher ein und suche mir die Tasse aus, die sich besonders schmeichelnd in meine Hände schmiegt. Ich bin dabei achtsam, denn was sich heute schmeichelnd anfühlt, ist nicht dasselbe wie gestern. Bevor ich den ersten Schluck nehme, horche ich in meinen Körper, atme ganz bewusst ein paar Atemzüge und genieße den ersten Schluck, wie er langsam meine Kehle hinabgleitet und Wärme in meinem Brustraum hinterlässt.
Beides ist dieselbe Handlung, eine ist alltäglich und die andere gleicht einem Ritual.

Die überlieferte Weise, etwas zu tun, eine vorgeschriebene Ordnung einzuhalten, eine religiöse Handlung – all das beschreibt das Wort „ritus“, aus dem sich das heutige Ritual ableitet. Im Kern steht die Vorstellung einer Handlung, die ihren richtigen Platz im Leben hat. Eine Art Ordnung zwischen Mensch, Natur und Welt. Eine Veredelung des Alltags.
Warum sind Marken wie Aesop, Lush und Aveda so erfolgreich? Rituals hat es sogar zu seinem Namen gemacht! Nicht weil sie besonders hochwertige Produkte verkaufen, sondern weil sie das Versprechen eines Rituals verkaufen. Weil Rituale dem Menschen Bedeutung geben. Weil wir uns nach Bedeutung sehnen.
Malidoma Patrice Somé stellt in seinem Buch „Die Kraft der Rituale“ fest, dass unsere ach so entwickelte westliche Welt etwas verloren hat, womit er unter anderem unsere Entfremdung von Natur, Gemeinschaft und uns selbst erklärt: Uns fehlen Rituale. Im Laufe der Industrialisierung, der Beschleunigung unseres Alltags und der zunehmenden Ökonomisierung unseres Lebens haben wir viele Rituale verloren oder vergessen. Wir haben noch die Hochzeit und die Trauerfeier als weitestgehend ritualisierte Lebensereignisse. Aber viele andere sind einfach langsam verschwunden. Die Brotbacktage am Dorfofen, das gemeinsame Einbringen der Ernte oder das Räuchern von Haus und Stall zu den Rauhnächten sind nur einige von vielen Beispielen für verschwundene Rituale. Und damit auch langsam der Sinn oder die Bedeutung unserer Handlungen.

Für mich wird eine Handlung zu einem Ritual, wenn sie drei Schritte beinhaltet: Sie wird bewusst eröffnet, sie bekommt eine Intention, eine Ausrichtung, und sie wird bewusst abgeschlossen.
Die Eröffnung bereitet den Raum (oder die Zeit) vor. Mit der Eröffnung wird die Aufmerksamkeit bewusst auf die folgende Zeit gelenkt. Ähnlich wie die Ouvertüre bei einer Opernvorführung bereitet sie Körper und Geist auf das Kommende vor.
Die Intention oder Ausrichtung ist ebenfalls ein Grundpfeiler, der aus einer alltäglichen Handlung ein Ritual macht. Erst wenn ich mir darüber klar werde, warum ich etwas tue, wozu ich es tue und welchen Sinn ich ihm geben möchte, wird daraus etwas Besonderes.
Und das große Finale ist der Abschluss. Nach der Eröffnung braucht ein Ritual auch einen Abschluss, um nicht in einem luftleeren Raum hängen zu bleiben. Stell dir vor, du kommst nach Hause und lässt die Haustür offen stehen. Oder du lässt die Kühlschranktür offen, nachdem du dir ein Stück Käse herausgenommen hast. Irgendetwas fühlt sich unfertig an. Würde ein Ritual nicht geschlossen werden, so würden wir im Offenen stehen bleiben, mit diesem komischen Gefühl.
Es gibt jede Menge Arten, ein Ritual zu eröffnen und zu schließen. Bei meinen Workshops zünde ich gerne zu Beginn eine Kerze an und erst, wenn ich sie wieder lösche, ist der Raum geschlossen und das Ritual beendet.
Im ersten Termin der Zyklusbegleitung bitte ich die Frauen darum, sich selbst eine Intention, eine Ausrichtung zu geben, diese aufzuschreiben und laut auszusprechen. Ich bezeuge diese Intention oder Ausrichtung und erinnere sie daran.
Es kann groß und laut sein (ein riesiger Gong) oder klein und leise (eine Kerze löschen), wichtig ist, dass es gemacht wird.
Bei meiner Tasse Tee am Morgen gebe ich mir manchmal die Ausrichtung, den Tag bewusst zu beginnen. Das tiefe Ein- und Ausatmen zu Beginn und zum Schluss ist die Eröffnung und der Abschluss.
So wird für mich eine gewöhnliche Tasse Tee zu einem Ritual.

Genau in dieser Energie werde ich am 11.07.2026 einen rituellen Raum öffnen, um uns mit unserer Menstruation zu verbinden. Ich nenne sie gerne das Heilige Blut, denn durch sie werden wir geboren. Dank ihr ist Leben für uns (und andere Säugetiere) möglich. Dank ihr bist du da!
Lasst uns ihr wieder Bedeutung geben.
Lasst sie uns feiern.
Lasst uns ihr wieder einen Platz in unserem Leben geben.
Lasst uns ein Ritual daraus machen.
