100 Zyklen. Oder die Frage: Wer bin ich ohne künstliche Hormone?

Was als Verhütung ohne Hormone begann, ist mein Beruf geworden.

Ich habe an meinem Partner gerochen, um herauszufinden, ob ich ihn auch ohne Hormone noch mag. Nicht einmal, mehrmals.
Dreizehn Jahre lang hatte ich die Pille genommen. Dreizehn Jahre, in denen ich nicht wusste, wer ich ohne sie bin. Es gibt Hinweise, dass hormonelle Verhütung beeinflusst, wen wir attraktiv finden. Genau das wollte ich wissen, als ich sie abgesetzt habe: Wer bin ich ohne künstliche Hormone? Und mag ich den Mann neben mir dann immer noch?
Ich habe es herausgefunden. Er ist immer noch der Richtige für mich. Wir sind immer noch zusammen. Und ich war erleichtert.
Das war der Anfang. Seit fast hundert Zyklen beobachte ich jetzt meinen Körper, Zyklus für Zyklus, Temperatur für Temperatur, Zervixschleim für Zervixschleim, Stimmung für Stimmung. Aus einer Entscheidung gegen Hormone ist mein Beruf geworden und eine neue Art, mich selbst zu kennen. Zyklus hundert steht bevor. Zeit, zurückzuschauen, wo das angefangen hat.

Der Anfang: die Entscheidung gegen Hormone
Angefangen hat alles mit einem Satz meiner damaligen Mitbewohnerin. Sie erzählte mir, dass sie unter der Pille depressiv geworden ist. Das war das erste Mal, dass ich gehört habe, dass die Pille nicht für jede Frau harmlos ist. Und das erste Mal, dass ich angefangen habe zu recherchieren, was dieses Medikament, das ich dreizehn Jahre lang täglich genommen hatte, mit meinem Körper macht. Ich bin im Zuge der Recherche auf den Blog von Generation Pille gestoßen. Eine Offenbarung!


Danach wollte ich verhüten, ohne künstliche Hormone. Ich habe mit einem Thermometer und einer App angefangen. Sie hat gut ausgewertet, aber trotzdem hat mich etwas daran gestört: Ich hatte die Verantwortung wieder abgegeben. Vorher an die Pille, jetzt an einen Algorithmus. Ich wusste nicht, was die App tut, ich wusste nur, was sie mir anzeigt.
Also habe ich das Regelwerk der Natürlichen Familienplanung selbst gelernt, durch den Kurs von Isabell Morelli. Bis ich das Regelwerk verstanden hatte, habe ich durchgehend mit Kondom verhütet. Ich wollte mich erst dann auf meine eigene Beobachtung verlassen, wenn ich wusste, was ich tue.
Und dann habe ich etwas erkannt, etwas Grundlegendes: Ich brauche keine Pille, keine App, nichts Künstliches. Ich brauche ein Basalthermometer, meine Temperatur am Morgen und den Blick auf meinen Zervixschleim. Mehr nicht. Die Eizelle ist nach dem Eisprung nur etwa 24 Stunden befruchtungsfähig, und mein Körper zeigt mir, wann dieser Zeitpunkt ist. Keine Raketenwissenschaft, sondern einfache Beobachtung!
Diese Fremdbestimmung, die ich jahrelang erlebt habe, ist nicht notwendig. Ich weiß heute, dass es auch anders geht. Dass eine Fünfzehnjährige nicht zwangsläufig die Pille braucht, um sich sicher zu fühlen, sondern ihren Körper kennenlernen darf. Und dass sie dann nichts mehr von außen braucht.

An Anfang nur die Periode eingetragen ...


Vier Phasen, vier Farben, vier Archetypen: viel Verwirrung
Ich hätte es dabei belassen können. Ich wusste, wann ich fruchtbar bin, ich verhütete ohne Hormone, mein Ziel war erreicht. Aber irgendetwas hat gefehlt.
Und dann kam die Podcastfolge mit Anna Nussbaumer, meiner späteren Mentorin, ins Spiel. Sie sprach über die vier Phasen des Zyklus, über vier Farben und vier Archetypen. Und in meinem Kopf war Chaos. Kriegerin, war das jetzt die Ovulation oder die Menstruation? Welche Farbe gehörte zu welcher Phase? Es war so viel Neues auf einmal, dass ich nichts davon sortieren konnte. Und gleichzeitig wollte ich mehr.
Anna sprach von „Roter Mond“ von Miranda Gray. Da ich Klarheit wollte, bestellte ich mir das Buch, ging an ihre Quelle und musste beim Lesen der Eingangsgeschichte feststellen: Das ist mir zu esoterisch.
Ich. Und zu esoterisch. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Ich habe das Buch bis heute nicht zu Ende gelesen. Was mich gestört hat, war nicht das Emotionale an sich. Es war, dass darin für mich zu wenig biologische Fakten vorkommen. Viel Empfinden, viel Psychologie, wenig von dem, was ich messen kann. Und genauso wenig, wie ich mich vorher mit reinen Zahlen zufriedengegeben hatte, konnte ich mich jetzt mit reinen Bildern zufriedengeben.
Da war sie also, meine nächste Frage: Wie bringe ich beides zusammen?


Meine eigene Kombination: Messen und Fühlen
Was mir geholfen hat, war Wiederholung. Ich habe mir die Podcastfolge mit Anna noch einmal angehört und mitgeschrieben. Lutealphase, Lila, Kriegerin. Ich habe mir mein eigenes Schaubild gemalt, bis die vier Phasen, die vier Farben und die vier Archetypen an ihrem Platz saßen. Und dann habe ich das Wichtigste getan: Ich habe begonnen, mich zu beobachten. Stimmt das? Stimmt das bei mir? Was davon passt, was nicht?
Heute sind mir die vier Archetypen so vertraut wie die vier Phasen selbst. Aber sie passen nicht alle auf mich.
Der Archetyp der Ovulationsphase, die Liebende oder die Mutter, je nachdem welchem System man folgt, ist bei mir nicht das, was beschrieben wird. Ich habe in dieser Phase nicht mehr Libido, ich gehe nicht stärker auf Menschen zu. Was ich stattdessen bei mir bemerke: Ich koche gern. Ich habe Lust, neue Rezepte auszuprobieren, ich stehe mit Freude in der Küche. Das habe ich in keinem Buch gelesen. Aber es steht in meinen Aufzeichnungen, Zyklus für Zyklus.
Und so sehen meine Aufzeichnungen heute aus: In meinem Kalender habe ich eine Doppelseite. Auf der einen Seite die Messungen, meine NFP-Auswertung, Temperatur, Zervixschleim, die Zahlen. Auf der anderen Seite pro Tag eine Zeile mit den Stichpunkten des Tages und darunter, etwas ausführlicher, was mir an mir aufgefallen ist. Messen und Fühlen, nebeneinander, auf einer aufgeschlagenen Doppelseite.
Das ist meine Kombination. Und genau deshalb sage ich jeder Frau, die ich begleite: Du bist die Expertin für deinen Körper. Du entscheidest, was du von dem, was ich dir zeige, mitnimmst und was nicht. Du darfst herausfinden, welcher Archetyp genau auf dich passt, du darfst dir auch einen ausdenken. Was sich für dich richtig anfühlt, ist richtig. Ich schlage vor. Ich biete an. Ich reiche dar.

So zeichne ich aktuell auf: NFP & Gefühle / Symptome


Mein Zyklus. Live!
Vor 28 Tagen habe ich etwas ausprobiert. Ich habe eine Telegramgruppe eröffnet, Mein Zyklus Live, und jeden Tag geteilt, was ich an mir beobachte. Schriftlich, per Audio, per Video. 8 Frauen waren in der Gruppe.
Ich beobachte mich ja sowieso jeden Tag, dachte ich. Das wird leicht, dachte ich. Aber es war anders. Es ging tiefer.
Im stillen Kämmerlein, also nur für mich, reicht ein Stichwort. Ich weiß, was ich meine. Aber wenn ich es einer Frau erklären will, die sich mit ihrem Zyklus noch nie beschäftigt hat, brauche ich Worte. Worte, die sie versteht, ohne Vorwissen, ohne Fachbegriffe, ohne dass sie sich dumm vorkommt. Ich habe länger nachgedacht, länger formuliert, länger gesucht. Und dabei habe ich Dinge über mich verstanden, die mir vorher nicht aufgefallen waren.
Die Gruppe war ruhig. Sehr ruhig. Acht Frauen, kaum Rückmeldungen, kaum Fragen. Ich habe eine Umfrage gestellt: Weißt du, in welcher Phase deines Zyklus du gerade bist? Eine Frau hat geantwortet. Ihre Antwort war: Ich habe keine Ahnung.
Und ganz am Ende, nach 28 Tagen, kam eine einzige Frage. Eine Frau wollte wissen, was es bedeuten kann, wenn ihre Menstruation seit sechs Tagen überfällig ist und der Schwangerschaftstest negativ. Ich habe ihr geantwortet.
Diese beiden Momente sind geblieben. Nicht, weil es eh nur wenige waren, sondern weil sie zeigen, wie weit weg viele von uns von ihrem eigenen Körper sind.
Genau dafür bin ich Zyklusmentorin geworden. Damit Frauen lernen, sich in sich auszukennen. Das ist grundlegend!

Auszug aus dem Telegram Kanal


Heute: Zyklus 99
Heute beobachte ich Zyklus 99.
Wenn ich morgens aufwache, weiß ich, wo ich bin. Nicht, weil ich nachgeschaut habe, sondern weil ich es spüre. An meiner Energie, an meinem Schlaf, an dem, was ich mir zutraue, an dem, worauf ich Lust habe. Das Tagebuch bräuchte ich dafür nicht mehr.
Ich führe es trotzdem. Aus zwei Gründen.
Der erste: Ich brauche es für den Rückblick. Nicht, um zu wissen, wo ich heute stehe, sondern um das große Ganze zu sehen. Zusammenhänge über mehrere Zyklen zeigen sich nicht an einem Morgen. Sie zeigen sich, wenn ich regelmäßig zurückblättere.
Der zweite Grund ist der ehrlichere: Das Tagebuch erinnert mich daran, meinem Zyklus jeden Tag einen Moment einzuräumen. Denn auch bei mir geht er unter, wenn ich ihn nicht bewusst hole. Auch nach 99 Zyklen. Auch als Zyklusmentorin.
Im ersten Zyklus, den ich aktiv beobachtete, wusste ich nicht, worauf ich achten kann, soll, darf. Ich habe sogar nach einigen Tagen aufgehört zu schreiben. Aber ich habe es doch Zyklus für Zyklus wieder probiert, bis ich eine Routine fand. Ich habe gemessen, notiert, ausgewertet, und ich habe jeden Morgen nachgesehen, weil ich es anders nicht gewusst hätte. Zwischen damals und heute liegt kein neues Wissen. Es liegt etwas anderes dazwischen: Selbstverständlichkeit. Vertrauen. Erkenntnis.
Ich verlasse mich nicht mehr auf meine Aufzeichnungen, um zu wissen, wo ich stehe. Heute kann ich mich auf mich verlassen, um zu wissen, wo ich stehe. Aber ohne diese 99 Aufzeichnungen wäre ich nie dahin gekommen!


Hundert ist kein Abschluss
2023 war mein Wendejahr. Ich hatte inzwischen jeden Kurs gemacht, der mich interessierte, ich erzählte meinen Freundinnen ständig davon, und irgendwann fragte mich meine beste Freundin: Warum machst du daraus nicht deinen Beruf?
Ich bin niemand, der sich selbst überzeugt. Ich brauche den Anstoß von außen. Dieser Satz war meiner.
Und trotzdem ist die hundert für mich kein Abschluss. Sie ist ein Zwischenstand. Ich bin 36. Ich sehe in der Ferne die Wechseljahre. Bis dahin werde ich weiter bluten, und auch danach bleibe ich ein zyklisches Wesen. Und ich werde weiter aufzeichnen.
Gerade deshalb möchte ich diesen Zwischenstand feiern. Zu Zyklus 100 schenke ich mir etwas. Keinen Kuchen, keine Kerze. Sondern einen Brief. Ich setze mich hin und schreibe der Frau, die 2019 ihre erste Temperatur notiert hat, was aus ihr geworden ist.
So in etwa wird der Anfang lauten:
Schau dich an, Amélie. In hundert Zyklen hast du gelernt, wann du fruchtbar bist. Du hast dich kennengelernt, körperlich, emotional, psychologisch. Und du hast deinen Beruf gewechselt. Das Thema hat dich so gepackt, dass du heute Zyklusmentorin bist. Davon hattest du keine Ahnung, als du das Basalthermometer zum ersten Mal in die Hand genommen hast.
Diesen Brief werde ich erst zu Zyklus 200 wieder öffnen.


Deine Einladung
Du musst nicht hundert Zyklen aufzeichnen, um dich zu kennen. Du brauchst einen Anfang.
Ein Blatt Papier. Eine Zeile am Tag. Wie geht es mir heute, was fällt mir auf.
Mehr war es bei mir am Anfang auch nicht.
Für viele von uns ist der Zyklus eine Nebensache, über die man nicht spricht. Er darf eine Hauptsache sein. Etwas, dem du jeden Tag einen Moment gibst, und das dir dafür zeigt, wer du bist.
Ich habe eine Vorlage für dein Zyklustagebuch gemacht, mit allem, was du für den Anfang brauchst. Sie kostet nichts.
Schreib mir das Wort Zyklustagebuch an amelie@zyklusmentorin.de, und ich schicke sie dir.
Und wer weiß: In hundert Zyklen schreibst du dir selbst einen Brief!

Alles Liebe,

Amélie

Über die Zyklen veränderten sich meine Aufzeichnungen.

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